Künstler-Archiv
In unserem Künstler-Archiv finden Sie alle wichtigen Informationen zu den Gästen der Kölner Philharmonie: In den Porträts beantworten Fragen zum musikalischen Werdegang der Künstler ebenso wie zu prägenden Karrierestationen. Außerdem eine Beschreibung der stilistischen Besonderheiten der Solisten.
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Gatti, DanieleVielfach als herausragender Dirigent seiner Generation apostrophiert, war dem 1961 geborenen Gatti in seiner Heimatstadt Mailand die Affinität zum Musiktheater förmlich in die Wiege gelegt. Bereits mit 27 dirigierte der studierte Pianist, Geiger, Komponist und Orchesterleiter an der dortigen Scala und stellte seinen Mitbürgern sein außergewöhnliches Talent unter Beweis. Dem vielversprechenden Debüt folgten schnell Auftritte am Teatro La Fenice in Venedig, am Teatro Comunale di Bologna, an der Berliner Staatsoper und der New Yorker Metropolitan Opera. Ein fulminanter Einstieg in eine Karriere, die im Opernfach bis Anfang der 1990er Jahre eine deutliche Präferenz aufweist. Spätestens mit den über Jahre gleichzeitigen Engagements an der traditionsreichen Accademia di Santa Cecilia in Rom und am Royal Opera House Covent Garden in London wurde Gattis zweigleisige musikalische Interessensausrichtung manifest. Seit 1996 ist der vielseitige Leiter des Royal Philharmonic Orchestra eine erste Adresse im internationalen Konzertbetrieb. Fast alle namhaften Orchester der Welt vertrauten sich seiner Leitung an. Namentlich den Wiener Philharmonikern ist Gatti in intensiver künstlerischer Zusammenarbeit verbunden. In der vergangenen Spielzeit bestritten Dirigent und Orchester eine gemeinsame Europa-Tournee, zu deren krönendem Abschluss die Musiker mit Verdis Requiem im Vatikan aufspielten. Doch auch die Karriere des Operndirigenten erreichte im letzten Jahr einen weiteren vorläufigen Höhepunkt. Mit der musikalischen Leitung der "Parsifal"-Inszenierung des Norwegers Stefan Herheim gab Gatti sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen. Der Italiener gilt zudem als versierter Dramaturg, was die Gestaltung seiner Konzertprogramme betrifft. Der Auftakt mit der Ouvertüre zum "Barbier von Sevilla" erfährt in Strawinskys "Jeu de Cartes" eine ironische Spiegelung. Die im klassizistischen Stil verfasste Ballettkomposition steckt voller Anspielungen auf Rossinis Belcanto-Oper. Auch André Previns noch fast druckfrisches Konzert für Harfe und Orchester atmet Leichtigkeit und rhythmische Finesse. Der Jazz-versierte Pianist und Stardirigent, übrigens einer von Gattis Vorgängern im Amt eines musikalischen Direktors beim Royal Philharmonic Orchestra, entfaltet darin die klanglichen Register der Harfe, ein zu Unrecht unterprivilegiertes Soloinstrument. Previn beweist einmal mehr sein Gespür für feinsinnige Orchestrierungen und sinnliche Dialoge zwischen Solist und den einzelnen Instrumentengruppen. Ein lässig souveräner Swing grundiert die kurzweiligen Sätze. Mit Mendelssohn Bartoldys "Italienischer" Sinfonie gelingt dann ein eleganter Rückbezug auf die einleitende Rossini-Ouvertüre. Der Romantiker bediente sich für "das lustigste Stück, das ich je gemacht habe" folkloristischer Anleihen bei neapolitanischem Lied und volkstümlichem Tanz. Impressionen einer Italienreise, die Daniele Gatti mit originalem Kolorit versehen wird.
Goerne, Matthias"Ich muss sagen: Mir ist durch die Musik nichts Menschliches mehr fremd." Wer solches sagen kann, hat große Opernrollen durchlebt und durchlitten, hat sich unzählige Male auf den Liedgesang eingelassen mit allem Schmerz und aller Freude, hat lange Spannungsbögen in vielen Oratorien gehalten, hat die Musikgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart durchschritten – und hat dabei sich selbst gefunden. Matthias Goerne kann bereits auf einen großen Erfahrungsschatz zurückblicken, aber er hat auch noch vieles vor sich. Er ist an dem Punkt angelangt, da er aus dem Vollen schöpfen und mit seinem warmen, flexiblen Bariton alles singen kann – und längst nicht mehr alles singen muss und möchte, sondern sein Repertoire mit Bedacht wählt. Sein Operndebüt gab Matthias Goerne als Papageno, seine Paraderolle ist Alban Bergs Wozzeck. Den Spaßvogel zu mimen und sich mit dem Existenzialismus des Wozzeck auseinanderzusetzen, das sind zwei Extreme, die vielleicht gar nicht so weit auseinander liegen, wie man im ersten Moment denkt. Und es ist auch kein Widerspruch, dass ein Bariton, der für die Geschmeidigkeit seiner Stimme bekannt ist und Legato-Qualitäten entwickelt hat wie kaum ein anderer seines Fachs, gerade die Brüche im menschlichen Leben, die Zerrissenheit des Menschen darzustellen weiß und sich auch in den ernsten Rollen wiederfindet. Bereits mehrfach hat der aus Weimar stammende Sänger Schuberts "Winterreise" eingespielt. Für den ehemaligen Schüler von Dietrich Fischer-Dieskau keine einfache Übung, möchte man meinen, doch Matthias Goerne hat früh seinen eigenen Weg gefunden und dank seiner unverwechselbaren Stimme nie über einen Vergleich mit dem geschätzten Lehrer nachgedacht. Sein Weg führte ihn auch zu einem Komponisten, mit dem viele Sänger ihr Lebtag keine Berührungspunkte haben: Matthias Goerne hat immer wieder eine Lanze für Hanns Eisler gebrochen. Dessen "Ernste Gesänge" sind ein sehr intimes Werk, das sich nicht nur im Titel an Brahms’ "Ernste Gesänge" anlehnt. Einerseits knüpfte Eisler an Brahms’ Kantabilität an, andererseits kokettierte er mit der Zwölftonmusik seines Lehrers Arnold Schönberg. "Weiß der Teufel, warum ich das geschrieben habe!", soll Eisler sich über die "Ernsten Gesänge" selbst geäußert haben. Natürlich konnte auch dieses sein letztes Werk nicht unpolitisch sein. Es klingt darin die Überzeugung durch, dass eine Gesellschaft verkommen muss, in der dem Einzelnen nicht auch ein persönlicher Glücksanspruch zugestanden wird. Einen Bogen zu schlagen von Bachs Kantate "Ich habe genug", von diesen vielleicht ernstesten Gesängen, die ein Bariton überhaupt singen kann, zu Hanns Eisler, ist ein mutiges Unterfangen, Matthias Goerne erscheint diese Programmzusammenstellung schlüssig. Gefordert wird dabei nicht nur der Sänger, sondern auch das Instrumentalensemble. Der Radius des Ensemble Resonanz reicht von der alten Musik bis zur Gegenwart. Aus 18 Streichern besteht die Kernbesetzung des jungen, in Hamburg ansässigen Kammerorchesters, das ebenso die Kontraste wie die Verbindungen zwischen verschiedenen Epochen sucht und schon so manches zeitgenössische Werk erfolgreich aus der Taufe gehoben hat. Auch Matthias Goerne wird immer wieder gern für Uraufführungen angefragt, 2010 ist er für die Hauptrolle einer neuen Oper von Wolfgang Rihm bei den Salzburger Festspielen eingeplant – wieder einmal eine Gelegenheit für ihn, durch die Musik gehörig in Unordnung gebracht zu werden.
Grimaud, Hélène
»Hélène ist eine große Künstlerin, nicht nur als Pianistin. Man spürt, dass man eingeladen ist, an einer sehr persönlichen, individuellen und privaten Sache teilzunehmen. Man ist eingeladen, dabei zu sein. Ich glaube, sie ist auf der Suche, sie ‚brennt’ und lebt das Leben, als wäre es entweder der erste oder der letzte Tag. Das finde ich toll.« So spricht einer über Hélène Grimaud, der sich auskennt mit den Höhen und Tiefen, mit den großen Leidenschaften in der Musik: Startenor Rolando Villazón ist ein Fan der eigenwilligen französischen Pianistin. Wenn man sie in einem Recital erleben darf, wo sie alle Freiheiten der Programmgestaltung hat – und für sich nutzt wie kein zweiter Pianist auf dieser Welt –, ist es unmöglich, als Zuhörer distanziert im Sitz zu hocken. Mozarts a-Moll-Sonate neben Alban Bergs Opus 1, gefolgt von Liszts großer h-Moll-Sonate und als I-Tüpfelchen Bartóks Rumänische Volkstänze: Das ist gewagt, das ist ungewöhnlich, das ist typisch Hélène Grimaud. »In meinem Repertoire gären seit 25 Jahren die gleichen Komponisten – so schaue ich mir Stücke nicht isoliert an, sondern verschaffe mir einen Gesamtüberblick «, sagt Hélène Grimaud und entdeckt Gemeinsamkeiten zwischen Komponisten und Musikstücken, wo andere Unvereinbarkeit empfinden. Oder sie zeigt ungeahnte Gegensätze und Bezüge auf, die für sie Teil eines großen Ganzen sind. Das Erstaunen ihrer Zuhörer ist einkalkuliert, ja intendiert, und wenn der Überraschungseffekt zum Aha-Erlebnis wird, hat Hélène eines ihrer Ziele erreicht. Von der Idee des Universalismus in der deutschen Romanik ist sie seit langer Zeit fasziniert, sie fing an, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen, als ihre Altersgenossinnen noch mit Puppen spielten. »Ich hatte immer eine echte Affinität zu den deutschen Romantikern «, sagt Hélène Grimaud. »Das war schon bei der Literatur so und setzte sich auch in der Musik durch. Von Anfang an war ich glücklich, wenn ich in Deutschland auftreten konnte, schon mit siebzehn, achtzehn. Ich spielte auch lieber deutsche Komponisten als zum Beispiel Debussy oder Fauré. Nicht, weil ich dieses Repertoire als minderwertig erachtete – mit Sicherheit nicht –, aber es ist einfach nicht meine Welt. Ich war nie so sehr eine Farbenmalerin, deshalb ist das impressionistische Repertoire einfach nicht mein Ding.« Lange Zeit wusste Hélène Grimaud mit dem Begriff Heimat wenig anzufangen. Ihr Großvater väterlicherseits stammt aus Deutschland, ihr Großvater mütterlicherseits aus Italien, ihr Vater wurde von einer französischen Familie adoptiert und ihre Mutter stammt aus Nordafrika, geboren wurde Hélène Grimaud in Aix-en-Provence. Viele Jahre hat sie in den USA gelebt, in der Nähe von New York. »Meine Heimat heute ist die Musik«, sagt Hélène Grimaud. Die Inspiration, die sie dort findet, ist eine nie versiegende Quelle. »Die Musik verändert sich in uns, gegen unseren Willen, unabhängig von uns. Hat man das Werk in sich aufgenommen, den Stoff aufgenommen, selbst wenn man sich damit nicht beschäftigt, wird man feststellen, sobald man zu dem Werk zurückkehrt, dass es ins uns selbst seinen eigenen Weg gefunden hat”, stellt Hélène Grimaud fest. »Die schönsten Momente sind nicht jene, die formvollendet sind. Im Gegenteil, es sind jene, in denen Zerbrechlichkeit, der Abgrund zutage tritt, in denen man fühlt, dass alles auf dem Spiel steht. Diese Momente berühren mich am meisten, sie begeistern mich, packen mich. Kunst drückt sich im Risiko aus, nicht im Komfort.« Hélène ist eine große Künstlerin, nicht nur als Pianistin.
Guillou, Jean
Jean Guillous Arbeitsplatz ist wirklich musikgeschichtsträchtig. Hier weinte Mozart um seine tote Mutter. Jean-Philippe Rameau wurde hier bestattet. Und im 19. Jahrhundert stellten Franz Liszt und Hector Berlioz hier einige ihrer großen Sakral-Werke erstmalig der Öffentlichkeit vor. Saint Eustache heißt die jüngst von allem Smog per Sandstrahl befreite Kirche, die mitten im Herzen von Paris liegt. Nur einen Tomatenwurf entfernt von den längst untergegangenen alten Markthallen. Da aber kein Pariser Gotteshaus ohne eine Prachtorgel auskommt, thront in Saint Eustache inzwischen sogar eine der größten Instrumentenköniginnen Frankreichs über der Gemeinde. 1989 wurde die Van-den-Heuvel-Orgel erbaut – und zwar nach einem Entwurf Jean Guillous. Schließlich ist Guillou nicht nur seit 1963 der Titularorganist von Saint Eustache. Seit einem halben Jahrhundert hat er zudem als weltweit bewunderter Orgel-Virtuose auch noch die Zeit um zu unterrichten, zu komponieren und sich eben auch als Orgelbaufachmann zu betätigen. Mittlerweile ist der wandelnde Orgel- Connaisseur zwar selbst zum Forschungsgegenstand von Dissertationen geworden. Doch Guillou, der noch beim französischen Orgel-Dreigestirn Marcel Dupré, Maurice Duruflé und Olivier Messiaen studiert hat, kennt einfach keine schöpferische Pause. Obwohl er über 80 Jahre als ist und so ziemlich alles erreicht hat, was einem Organisten gelingen kann. An einem Ziel arbeitet der Mann mit den schlohweißen Haaren und einer stets bescheiden wirkenden Aura aber dennoch unermüdlich weiter. Guillou will die Orgel aus ihrem liturgischen Korsett befreien und in ein kommunikatives Instrument im besten Sinne verwandeln. Und dafür zieht er erstaunliche Register. In Saint Eustache arrangiert er nicht nur konzertante Dialoge zwischen der Orgel und wahlweise einem Klavier, einem Violoncello oder einer Violine. Kunstspartenübergreifend lässt er sich ebenfalls auf Pantomimen, Tänzer und Maler ein. Um darüber hinaus auch das Publikum ganz direkt in die wahrhaft symphonischen Sog-Kräfte der Orgel einzubeziehen, hat er mit »La Révolte des Orgues« ein vielstimmiges Orgelorchesterwerk komponiert. |
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