Künstler-Archiv
In unserem Künstler-Archiv finden Sie alle wichtigen Informationen zu den Gästen der Kölner Philharmonie: In den Porträts beantworten Fragen zum musikalischen Werdegang der Künstler ebenso wie zu prägenden Karrierestationen. Außerdem eine Beschreibung der stilistischen Besonderheiten der Solisten.
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Helsingin BarokkiorkesteriAchtung, die Finnen kommen! Nein, dieses Mal sind es nicht die gruseligen Hardrocker von »Lordi«, die skurrilen »Leningrad Cowboys« oder die ohrenbetäubenden Heavy-Metal-Cellisten von »Apocalyptica«, sondern ein viel feinsinnigeres Ensemble: das »Helsingin Barokkiorkesteri« – oder »Helsinki Baroque Orchestra«, wie es sich auf Neufinnisch nennt. Nun wurde die Barockmusik ja nicht gerade in Finnland erfunden, und auch mit der Pflege ausländischer »Alter Musik« tat man sich im hohen Norden noch bis vor kurzem schwer. Umso erstaunlicher, was sich das erst 1997 gegründete Originalklang-Ensemble bis heute erarbeitet hat: Zunächst einmal eine erstaunliche Repertoirebreite, die vom frühesten Barock (Monteverdi und Zeitgenossen) bis zu den letzten Ausläufern der Epoche (etwa dem »Mannheimer« Komponisten Franz Xaver Richter) reicht. Und dann einen Interpretationsstil, der die Fachwelt zum Schwärmen bringt: Als »sehr ausgereift« und »durchdacht« loben ihn die einen, währendandere die »mitreißende Spielfreude« des jungen Ensembles hervorheben. »Perfekte Balance von Verstand und Gefühl« – so fasst Matthias Hengelbrock in der Zeitschrift »Fono Forum« das Urteil beider Kritiker-Fraktionen zusammen. Zu verdanken ist der rasche Aufstieg in die höchste Liga der europäischen Barockensembles wohl vor allem Aapo Häkkinen, der 2003 die Orchesterleitung übernahm. Häkkinen war als Kind Sängerknabe am Dom von Helsinki, bekam ab dem 13. Lebensjahr Cembalounterricht an der Sibelius-Akademie seiner Heimatstadt und setzte sein Studium von 1995 bis 2000 im Ausland fort – zuerst in Amsterdam bei Bob van Asperen, dann in Paris bei Pierre Hantaï. Bereits 1997 erhielt er für seine Interpretationen italienischer Cembalomusik den Musikpreis des Norddeutschen Rundfunks, und im folgenden Jahr wurde er beim Cembalo-Wettbewerb in Brügge ausgezeichnet. Ein international ausgewiesener Barock-Fachmann also, bestens gerüstet, seine Landsleute in die Finessen historisch informierter Aufführungspraxis einzuweisen. Nun erwarten allerdings Konzertbesucher seit jeher, dass reisende Orchester auch Musik aus ihrem Heimatland mitbringen. Deshalb spielen finnische Sinfonieorchester Sibelius, Ensembles für Neue Musik Rautavaara, Aho oder Lindberg. Ein Barockorchester ist in dieser Hinsicht arm dran: Die ersten finnischen Komponisten wurden etwa um das Jahr 1800 aktiv, verpassten also das Barockzeitalter locker um ein halbes Jahrhundert. Doch das »Helsingin Barokkiorkesteri« weiß sich zu helfen – es bedient sich einfach bei den Nachbarn und spielt Musik der schwedischen Komponisten Johan Helmich Roman (1694-1758) und Johan Joachim Agrell (1701-1765). Eine elegante Lösung, schließlich gehörte Finnland während der gesamten Barockzeit zum schwedischen Reich – und damit war ja auch Schweden in gewisser Weise finnisch.
Herreweghe, Philippe"Singen ist das Fundament zur Musik in allen Dingen." Mit diesem Grundsatz hat Georg Philipp Telemann etwas ausgesprochen, was so manchen Instrumentalisten nicht nur zu seiner Zeit überfordert haben dürfte. Denn wer nicht wie Bach, Haydn, Mozart oder Brahms selbst den Gesang gepflegt hat, der hatte es schon damals schwerer. Ein Musiker, der nicht singen konnte – das war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts undenkbar. Dabei ist es für Musiker wie für Dirigenten unerlässlich nachempfinden zu können was Singen bedeutet.
Mit 14 die ersten Chöre dirigiert Für Herreweghe, der Klavier, Cembalo, Orgel in seiner Heimatstadt Gent studierte, war Gesang seit seiner Kindheit ein vertrauter Klang. Auf einer Jesuitenschule gehörte er einem Chor an, bereits mit 14 Jahren begann er selbst, Chöre zu dirigieren. In den späten 60er Jahren entdeckte er dann Schallplatten von Gustav Leonhardt und stellte fest: »So wie der spielt, müssten wir eigentlich singen.« So entstand eine eigene Vokalschule, die sukzessive einen Idealklang erarbeitete. Seit 30 Jahren leitet er nun schon das Collegium Vocale Gent, das produktionsbezogen arbeitet. Die Entscheidung, wer mitsingt, hängt davon ab, was gesungen wird. Obwohl es auch einige Allround-Talente gibt, hält es Herreweghe für notwendig, speziell die Sopranstimmen zu wechseln: »Wer gut Strauss und Brahms singen kann, kann in meinen Ohren meist keinen Bach singen. Das ist wie ein anderes Instrument.«
Besondere Klangkultur Herreweghe ist davon überzeugt, dass man auch sein Collegium Vocale unmittelbar am Klang erkennen kann. Das ist seiner Ansicht nach auf den Effekt der Textarbeit auf die Stimme hin zurückzuführen. Dabei spielt weniger ein bestimmter Klang der Stimmen eine Rolle als vielmehr die Art und Weise der Interpretation. Herreweghe sieht sich weniger als Barockspezialist als vielmehr gezwungen, eine Auswahl zu treffen. Was ihn inspiriert, ist die Metaphysik der Musik, eine gewisse Spiritualität, vielleicht auch Religiösität. Daher fühlt er sich in den verwandten Welten von Bach, Schütz und Bruckner besonders gut aufgehoben. Hier kann er das tun, was zur Ekstase im wahrsten Sinne des Wortes führt – er kann aus sich heraus treten und außer sich sein. Und dies kann bisweilen zum Glück des Augenblicks beitragen – wie das Singen auch.
Hilliard Gesang und Streicherklang Ensemble
Das vor 25 Jahren gegründete Hilliard Gesang und Streicherklang Ensemble dürfte spätestens seit seiner auch unter kommerziellen Aspekten sehr erfolgreichen Kooperation mit dem norwegischen Jazzsaxophonisten Jan Garbarek einem größeren Publikum bekannt sein. Ursprünglich auf die Musik vor dem 17. Jahrhundert konzentriert, haben sich die vier britischen Sänger im Laufe der Zeit auch Stücken moderner Komponisten, wie Arvo Pärt, John Cage, Gavin Bryars, Giya Kancheli und Heinz Holliger geöffnet.
Hope, DanielRückblickend haben sich sicherlich schon zahllose Schallplattenproduzenten geärgert, dass ihnen dieses Allstar-Meeting durch die Mikrophone gerutscht ist. Andererseits konnten sie nicht ahnen, wer sich da am 4. und 6. August 1957 im schweizerischen Gstaad zu einem exklusiven Kammermusikkreis verbünden sollte. Denn von dem Jahrhundertgeiger Yehudi Menuhin war es damals eine eher spontane Entscheidung, drei hochkarätige Musikerfreunde einzuladen. Und so kam es mit Tenor Peter Pears, dem Komponisten Benjamin Britten am Klavier und mit Cellist Maurice Gendron zu zwei gemeinsamen, legendären Auftritten – von dem eben kein akustisches Zeugnis vorliegt. 51 Jahre später wird man aber tatsächlich Ohrenzeuge dieser historischen Zusammenkunft. Dank Daniel Hope, der jetzt mit namhaften Mitstreitern wie Tenor Mark Padmore auch jenes erste Konzertprogramm präsentiert, mit dem zugleich der Grundstein für das Gstaad-Festival gelegt wurde. Hope: "Es sind damals spannungsvolle Programme herausgekommen, die das geläufige Konzertrepertoire mit selten Gehörtem verband: Bach und Schubert mit Purcell und Telemann." Und genau mit dieser Bandbreite, von einer Bach-Cello-Suite über eine Telemann-Kantate bis zu Liedern von Purcell und Schubert, eröffnet Hope in der Philharmonie nun seine dreitägige Hommage an Yehudi Menuhin. Schließlich war Menuhin für Hope seit seinen Knirpsbeinen an mehr als nur ein musikalischer Ziehvater. Von Menuhin lernte Hope neben seiner Begeisterung für die Violine vor allem, musikalisch wie menschlich Brücken zu bauen statt Gräben zu konservieren. So wie der Jude Menuhin der erste Musiker von Weltrang war, der kurz nach dem Zusammenbruch von Nazi-Deutschland mit Konzerten die Hand der Versöhnung ausstreckte, so setzt Hope heute gleichermaßen auf die Verständigung zwischen den Völkern und Kulturen. Berührungsangst – dieses Wort existiert im Wortschatz des sympathischen Rotschopfs und offenen Weltbürgers nicht. Weshalb sich Hopes ansteckende Kontaktfreudigkeit auch in dem von ihm konzipierten Konzertzyklus widerspiegelt, der gleichfalls eine Art Klang-Biographie des 35-Jährigen ist. Immerhin ist etwa das zweite Violinkonzert von Mendelssohn zu hören, zu dem Hope über seine Vorfahren eine direkte Verbindung hat. Und zwischen Werken von Bach, Ravel und Bartók, für die Hope u.a. den Cellisten Daniel Müller-Schott und das Chamber Orchestra of Europa zur Seite hat, taucht auch eine Violinsonate von jenem Alfred Schnittke auf, der in Hamburg einmal unerwarteten Besuch bekam, als sein junger Fan Hope überraschend vor der Tür stand. Auf der musikalischen Abenteuerreise zurück in die Gegenwart darf aber natürlich eine Station nicht fehlen. Es ist die Wiege, in die Hope seine Faszination von der indischen Musik gelegt bekam. "Eines Tages kam Ravi Shankar für ein gemeinsames Projekt zu Menuhin, packte seine Sitar aus, die beiden setzten sich auf den Boden und begannen für mehrere Stunden miteinander diese unglaubliche und wirklich packende Musik zu spielen. Ich war damals vier Jahre alt, ein prägendes Erlebnis für mein Leben." Und so lässt Hope jetzt im musikalischen Gespräch mit Shankars Meisterschüler Gaurav Mazumdar den Bogen springen und hüpfen – während Yehudi Menuhin von Wolke Sieben beglückt herabschaut und zuhört. |
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