Künstler-Archiv
In unserem Künstler-Archiv finden Sie alle wichtigen Informationen zu den Gästen der Kölner Philharmonie: In den Porträts beantworten Fragen zum musikalischen Werdegang der Künstler ebenso wie zu prägenden Karrierestationen. Außerdem eine Beschreibung der stilistischen Besonderheiten der Solisten.
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Maltman, Christopher
Der britische Bariton Christopher Maltman ist ein Kerl von einem Mann, dem fast keine Frau widerstehen kann. Zumal er auch noch mit seiner Stimme alle Tricks und Kniffe der Verführungskunst beherrscht. Mal gibt er sich mit seinem zarten, lyrischen Atemschmelz als unschuldiges, hilfloses Lämmlein. Dann wieder ist es dieser volle, heldische Brustton, der aus Maltman einen draufgängerischen Adonis macht. Kein Wunder, dass der Brite längst den Ruf als idealer Opern-Womanizer weg hat. Wobei zugleich bei ihm immer mitschwingt, wie dünn das Parkett ist, auf dem sich die Opern-Casanovas bewegen. Doch selbst das Scheitern kann zur großen, menschlichen Kunst werden, wenn Maltman singt. So ist er aktuell der vielleicht beste »Don Giovanni«, weil er eben nicht nur optisch der Vorstellung eines Herzensbrechers entspricht. In der vielbeachteten Mozart-Inszenierung von Claus Guth bei den Salzburger Festspielen sowie im Kölner »Don Giovanni «, der 2010 Premiere hatte, machte Christopher Maltman die Tragik der von Sehnsüchten gehetzten Titelfigur knisternd deutlich. »Der Liedgesang hält meine Stimme gesund« Mit auch solchen stimmschauspielerischen Glanzleistungen hat Maltman mittlerweile den Gipfel auf dem Sänger-Olymp erklommen. Längst gibt es rund um den Globus kein Opernhaus und keinen Konzertsaal von Weltrang, in dem er nicht schon gastierte. Und vor 1997 hatte Maltman wohl niemals daran gedacht, dass er irgendwann mal mit Sir Simon Rattle und Nikolaus Harnoncourt, mit dem New York Philharmonic und der Dresdner Staatskapelle auftreten würde. Mit dem Gewinn des renommierten Gesangswettbewerbs in Cardiff 1997 kam aber eben die entscheidende Karrierewende. Den ersten Preis bekam damals jedoch nicht der zukünftige Opernstar Maltman verliehen. Vielmehr war es der Liedsänger, der plötzlich in aller Munde und Ohren war. Obwohl seitdem die Oper den Großteil seines Repertoires ausmacht, hat der Bariton das intime Liedgespräch nie aus den Augen verloren. Und so hat er sich immer wieder auch auf Tonträger den unterschiedlichen Großfürsten des Liedes gewidmet. Schumann und Britten, Debussy und Fauré – und natürlich immer wieder auch Franz Schubert. War Maltman an der schon legendären Gesamteinspielung sämtlicher Schubert-Lieder beteiligt, die von Pianist Graham Johnson initiiert wurde, will er nun bis 2012 Schuberts drei Liederzyklen aufnehmen. Verlockende Süße und verstörende Eifersucht Mit »Die schöne Müllerin« liegt der erste Teil auf CD vor. Dieses Episodendrama von einem wandernden Müllerburschen, der die Licht- und Schattenseiten der Liebe heftig zu spüren bekommt. Und über allem schwebt jene Frage, die schon in »Don Giovanni« zur Antriebsfeder wurde: Ist Treue überhaupt möglich?
Mehldau, Brad
Der 1970 geborene Pianist Brad Mehldau ist ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Vertreter seines Metiers. Als die Rede auf die Zukunft des Jazz kommt, lässt sich der renommierte Bassist Charlie Haden viel Zeit für eine Antwort. Er vermisse den innovativen Impuls in der Jugend, sagt Haden, er sehe nur den Drang zur technischen Perfektion, die sich an retrospektiven musikalischen Formen immer wieder neu beweisen wolle, ohne den entschiedenen und mutigen Schritt nach vorne zu wagen. Aber dann fällt ihm doch noch jemand ein, der neue Maßstäbe setzt, der eigene Wege geht, unbeirrt und mit der Selbstgewissheit eines großen Vordenkers: Brad Mehldau. Das ist nun auch schon gut zehn Jahre her, und tatsächlich, Hadens Prophezeiung hat sich erfüllt. Wer bei Mehldau an mäandernde Klavierexkurse denkt, liegt so falsch nicht. Erstaunlich reif und gelassen, aufwühlend und doch entspannt, sanftmütig und zerrissen, melancholisch und zärtlich: Auf diese Auslegung von improvisierter Musik passen viele Beschreibungen. Als Mehldau im Rahmen eines Doppelkonzerts vor einigen Jahren sein Debüt in der Kölner Philharmonie gab, war die Spannung, die er mit seinem unglaublich nuancenreichen Spiel erzeugte, schon fast körperlich zu spüren. Die Resonanz, die Mehldau mit seinem Spiel bei Kritik und Publikum findet, ist mittlerweile denn auch einhellig: heiß verehrt und nicht mehr, wie zu Beginn seiner Karriere, kühl ignoriert – Brad Mehldau eint die Jazzgemeinde. Kein Zweifel, der einst schüchtern im Hintergrund agierende Sideman hat sich den Ruf eines Piano-Genies erspielt. Nicht zufällig daher die Vergleiche mit anderen bedeutenden Trioformationen der Jazzgeschichte: mit dem Keith Jarrett Trio oder der klassischen, geradezu stilprägenden Keimzelle des Modern Jazz, dem Trio von Bill Evans, Scott LaFaro und Paul Motian. Darauf angesprochen, reagiert Mehldau eher ungehalten: »John Coltrane, Charlie Parker, Miles Davis oder Billie Holiday haben weit größeren Einfluss auf mich als viele Pianisten, und da kann es schon ärgerlich werden, wenn man immer wieder in eine bestimmte Linie gerückt wird.« Obwohl er meist mit der Formung und der Ausbildung einer speziellen Trio- Philosophie in Verbindung gebraucht wird, experimentiert Mehldau auch mit anderen Formaten. Dabei wird sein klassischer Background mehr als offenbar. »Als ich begann, mich mit dem Jazz zu beschäftigen, verlor ich für einige Zeit das Interesse an der klassischen Musik«, so Mehldau, »dann aber, mit 22, 23 Jahren, habe ich gespürt, wie wichtig die Klassik für meine Entwicklung als Komponist und Pianist ist.« Kammermusik, Symphonik und die Klavierliteratur standen nun auf dem Plan des jungen Jazzpianisten. Ein später Reflex auf die Wiederentdeckung der Klassik erfolgte vor ein paar Jahren, als Mehldau mit der Opernsängerin Renée Fleming den ambitionierten Liederzyklus »Love sublime « einspielte. »Highway Rider«, eine Komposition für Jazzquintett und Kammerorchester, erlebte 2010 seine deutsche Erstaufführung in Köln.
Montero, GabrielaMit ihren großen braunen Augen schaut Gabriela Montero konzentriert gen Himmel, kratzt sich zwischendurch ein wenig fragend am Kinn. Ob sie den Anfang doch noch mal hören könnte? Kein Problem. Kaum hat die proppenvolle Philharmonie ihr aus voller Kehle erneut eine der bekanntesten Hymnen Kölns vorgesungen, legt sie schmunzelnd das Mikro zur Seite – und los geht´s mit einer mächtig groovenden Jazz-Improvisation über "Mer losse d´r Dom en Kölle", bei der es in den Bässen dampft. Während die rechte Hand blitzende und funkende Haken schlägt. Und nachdem La Montero schließlich mit ihren quirligen Fingern regelrecht über die Ziellinie geflogen ist, gibt es beim enthusiasmierten Auditorium kein Halten mehr. All das ereignete sich im August 2007. Als die venezolanische Königin der Improvisation in der Philharmonie eine ihrer inzwischen berühmten One-Woman-Recitals gab und dabei erneut bewies, wie sich aus jedem Ohrwurm entwaffnend große Kunst machen lässt. Egal, um welches Volkslied, welchen Pop-Schlager oder Klassik-Hit à la "Ave Maria" es sich auch handeln mag – ist die vom Publikum vorgeschlagene, wahlweise gesummte, gepfiffene oder geträllerte Steilvorlage erst einmal abgespeichert, erweckt Gabriela Montero die alten Melodien zu neuem Leben. Mit Jazz eben oder etwa Samba-Flair. Mit barocken Arabesken oder impressionistischem Kolorit. Dieses Klavier-Spiel ohne Grenzen besitzt jedoch nichts Zirzensisches. Vielmehr ist es Ausdruck einer Vollblut-Musikerin, für die die schöpferische Spontaneität genauso zum Atmen gehört wie das millimetergenau durchkomponierte Erbe der klassischen Meister. "Die Welt besteht ja auch nicht nur aus einem Phänomen." Diese Erkenntnis besaß Montero zwar schon schemenhaft in frühester Jugend, doch nachdem ihr Klavierlehrer zunächst jahrelang versucht hatte, ihr das Improvisationstalent auszutreiben, kann sie seit der Begegnung mit der Kollegin Martha Argerich selbstbewusst zu ihrem Allround-Potential stehen. "Martha hat mir in den Po getreten", erinnert sich Montero an das erste Aufeinandertreffen dieser beiden pianistischen Heißblüter. Freundinnen sind sie bis heute geblieben, tritt Montero regelmäßig bei den Argerich-Festivals in Lugano und Buenos Aires auf. Dass sie abseits davon aber nicht nur längst in allen Musikzentren gastiert, sondern selbst auf der staatstragenden Weltbühne den Ton mit angibt, konnten am 20. Januar Millionen von TV-Zuschauern miterleben, als sie mit dem Geiger Itzhak Perlman und dem Cellisten Yo-Yo Ma dem neuen US-Präsidenten Barack Obama ein Glückwunsch-Ständchen brachte. Solche Einladungen sind natürlich für jeden Künstler das I-Tüpfelchen auf die Karriere. Gabriela Montero hebt deswegen aber nicht ab. Dazu ist sie zu sehr ein kommunikativer Menschenfreund, der den Dialog sucht und gerade im klassischen Konzertsaal findet. Wie nun in der Kölner Philharmonie. Den ersten Teil des Abends widmet Montero zunächst den drei großen B´s der klassischen Musik- und Improvisationsgeschichte, wenn sie den Bogen von Bachs "Chaconne" über die "Waldsteinsonate" von Beethoven bis zu Brahms-Fantasien schlägt. Der zweite Konzertteil gehört dann standesgemäß der komponierenden Erfinderin Gabriela Montero. Und wenn sie schon mal wieder in Köln ist, kann man ihre Fantasie – wie 2007 – ja auch mit einer Kölschen Ode anregen. Wie wäre es da beispielsweise mit "Viva Colonia" oder mit "Dat Wasser vun Kölle"?
Mullova, ViktoriaWie weit ist der Weg von der russischen Violinschule zum authentischen Interpretationsansatz? Viktoria Mullova hat einen langen und sehr individuellen Weg beschritten bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Werk Bachs, geprägt von Experimentierfreude und der Bereitschaft, alte Überzeugungen über Bord zu werfen. Sie fand ihren ganz eigenen Zugang, ihre eigene Spielweise. »Ich hatte schon immer eine sehr enge Beziehung zu Bachs Musik, und schon als junges Mädchen spürte ich, dass sie in meinem Leben einen bedeutenden Platz einnehmen würde. Die Auseinandersetzung mit ihr und der Versuch, ihre Welt zu verstehen, waren allerdings nicht leicht und haben mich zuweilen mutlos gemacht. Viele Jahre lang, in denen ich mich mit diesen Stücken beschäftigte und sie recht regelmäßig spielte, gelang es mir nicht, ein Kriterium oder einen Weg zu finden, der mir erlaubt hätte, mit dem Instrument das auszudrücken, was ich empfand.« Viktoria Mullova studierte am Konservatorium in ihrer Heimatstadt Moskau, früh zeigte sich ihr überragendes Talent, und sie schien dem Anspruch des virtuosen Perfektionismus scheinbar mit Leichtigkeit gerecht zu werden: Es regnete Preise und Auszeichnungen bei den großen Wettbewerben: Sie gewann den Wieniawski-, den Sibelius- und den Tschaikowsky-Wettbewerb, die Karriere und der Erfolg waren gesichert, nicht so die persönliche und künstlerische Freiheit. Über Finnland reiste Viktoria Mullova nach Schweden, bat dort um politisches Asyl und ging in die USA, heute lebt sie in London. Bald war sie auch in der westlichen Welt eine gefragte Violinvirtuosin, deren Brillanz und Eleganz, deren kraftvolles und dabei hoch sensibles Spiel wie geschaffen war für das große romantische Repertoire. Doch angesichts ihrer musikalischen Neugier war eine Beschränkung auf eine bestimmte Epoche ein Ding der Unmöglichkeit. So richtete sich ihr Interesse neben der Beschäftigung mit Klassik und Romantik einerseits auf die zeitgenössische Musik, andererseits wuchs die Begeisterung für Barockmusik. Im Austausch mit Musikerkollegen suchte Viktoria Mullova eine intensive Auseinandersetzung mit barocker Spielweise und Interpretation. »Ich nahm mir noch einmal das Barockrepertoire vor und studierte es auf eine völlig neue und endlich organische Weise. Zunächst noch mit dem modernen Instrument, doch als ich dann die Ästhetik des 18. Jahrhunderts immer besser begriff, ergab sich ganz von selbst die Notwenigkeit, Darmsaiten und Barockbögen zu verwenden. Ich sah mir viele Noten von Komponisten wie Biber, Leclair, Tartini, Corelli, Vivaldi und vielen anderen an, weil ich glaubte, sie würden mir helfen, Bachs Musik besser zu verstehen«, so Viktoria Mullova.
Muti, RiccardoRiccardo Muti kommt unverhofft zum Dirigieren. Als vielversprechendes Klaviertalent und Student eines Schülers von Alfred Cortot am Konservatorium Neapel, sprang er spontan für einen erkrankten Kommilitonen ein und rettete so das vorgesehene Konzert des Studentenorchesters. Damit war sein Interesse am Dirigieren geweckt. Die eigentliche Karriere nahm ihren Lauf, als Muti 1968 beim Festival Maggio Musicale Fiorentino erstmals öffentlich auftrat und gleich zum ständigen Dirigenten ernannt wurde. Nur drei Jahre später debütierte er bei den Salzburger Festspielen – mit Donizettis "Don Pasquale". Musikkritiker Karl Schumann bescheinigte dem damals 30-jährigen Dirigenten eine musikalische Einstudierung, "die von den ersten rasanten Takten der Ouvertüre an gutmachte, was Routine, Nachlässigkeit und plumpes Draufgängertum an Donizettis Partitur gesündigt haben". Den Anspruch, ein mattiertes und oft malträtiertes Stück Musik auferstehen zu lassen und ihm seinen ursprünglichen Glanz zurückzugeben, diesen Anspruch spürt man bei Riccardo Muti bis heute. Genauso wie sein Engagement für junge Musiker, aus dem unter anderem 2004 das "Orchestra Giovanile Luigi Cherubini" hervorging und mit dem er seit drei Jahren als eine Art Hausorchester bei den Salzburger Pfingstfestspielen auftritt. Eben mit diesen Musikern spielte er 2006 eine DVD-Produktion des "Don Pasquale" ein, woran zudem der "Coro del Teatro Municipale di Piacenza" sowie Mario Cassi, Alexej Kudrya, Laura Giordano und Gabriele Spina beteiligt waren. Eine verschworene Gemeinschaft also, die ihr Spiel mit Don Pasquale bereits gebührend getrieben hat. |
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