Künstler-Archiv
In unserem Künstler-Archiv finden Sie alle wichtigen Informationen zu den Gästen der Kölner Philharmonie: In den Porträts beantworten Fragen zum musikalischen Werdegang der Künstler ebenso wie zu prägenden Karrierestationen. Außerdem eine Beschreibung der stilistischen Besonderheiten der Solisten.
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Salonen, Esa-Pekka
Es war 1983, vor mehr als einem Vierteljahrhundert, als der junge finnische Komponist und Dirigent Esa-Pekka Salonen in Vertretung eines plötzlich erkrankten Kollegen das Philharmonia Orchestra London souverän durch Mahlers 3. Sinfonie führte. Der Verlegenheitsauftritt wurde ein umjubelter Erfolg und zum Startschuss in eine der bedeutendsten Musikerkarrieren der Gegenwart. Große Hoffnungen knüpften sich an die weitere Laufbahn des jungen Himmelsstürmers. In ihm sah man den Musiker, der ein junges, über Jahrzehnte leichtfertig dem Werben der Popindustrie überlassenes Publikum für klassische und zeitgenössische Konzertmusik würde gewinnen können. Salonen wurde den in ihn gesetzten Erwartungen mit Bravour gerecht. Als Leiter des Los Angeles Philharmonic Orchestra überzeugte er seit 1992 selbst die kommerziell orientierten und notorisch konservativen amerikanischen Konzertveranstalter und Orchestermanager vom notwendigen Brückenschlag aus der Tradition in die Gegenwart, der für Salonen zum Markenzeichen und für eine ganze Generation von Dirigenten zum maßgeblichen Programmkonzept wurde. Es gab Projekte mit Filmmusik, mit Lutoslawski und Ligeti, mit europäischen und amerikanischen Gegenwartskomponisten, seit Ende der 1990er auch verstärkt eigene Werke, dazu viel Mahler, Bruckner, Bartók und Strawinski. Die Verbindung zu Europa und dem Philharmonia Orchestra ist darüber nie abgerissen. Von 1985 bis 1994 war Salonen 1. Gastdirigent des Londoner Eliteensembles. Auch danach haben Orchester und Dirigent aufsehenerregende Projekte realisiert wie Ligetis "Clocks and Clouds" (1996) oder Magnus Lindbergs "Related Rocks" (2001). Zum Beginn der Spielzeit ist Salonen nun von Los Angeles an die Themse gezogen, um beim Philharmonia die Rolle des Künstlerischen Leiters und Chefdirigenten anzutreten. Seine erste Saison in neuer Funktion steht ganz im Zeichen einer ebenso originellen wie ehrgeizigen Konzertreihe. "City of Dreams: Vienna 1900-1935" stellt die Musik und Kultur der Alpenmetropole im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vor. Das Projekt ist zugleich Anlass einer ersten mit Spannung erwarteten Europatournee des Orchesters unter seinem neuen musikalischen Leiter. Von England führen die Stationen über Paris, Brüssel, Amsterdam, Köln, Barcelona und Madrid zum krönenden Abschluss nach Wien.
Savall, JordiEr ist so etwas wie der Midas der Alte-Musik-Bewegung. Alles, was Jordi Savall anfasst, wird musikalisch schlichtweg zu Gold. Und bisweilen kiloweise sogar zu Platin. Denn noch nicht einmal seine namhaften Kollegen Nikolaus Harnoncourt oder Ton Koopman schaffen es mit ihren Aufnahmen an jene Verkaufszahlen heran, die Savall mit staunenswerter Regelmäßigkeit erreicht. Dabei widmet er sich noch nicht einmal Kassenschlagern wie Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Sage und schreibe über eine halbe Million Alben sind allein von Savalls französischem Gambenrecital über die Ladentheke gegangen, das er 1992 für den Kinofilm "Die siebte Saite" eingespielt hat. Und selbst einer Raritätensammlung von unterschiedlichen Versionen des traditionellen "Folia"-Tanzes scheinen inzwischen rund 100.000 Käufer sehnsüchtig entgegengefiebert zu haben. Angesichts des von der Erfolgswelle getragenen Katalanen muss zwangsläufig die Frage nach seinem Geheimrezept gestellt werden. Die Antwort fällt entwaffnend einfach aus: "Was mich an einer Musik interessiert, ist nicht bloß die Schönheit, sondern die Emotion, der expressive Gehalt." Was selbstverständlich nahezu jeder großer Musiker unterschreiben würde, scheint bei Savall jedoch stets eine ganz besondere Wendung zu bekommen. Tatsächlich besitzt dieser Mann mit der Aura eines stolzen, spanischen Herzogs nicht nur allerfeinstes Fingerspitzengefühl für die Viola da Gamba, dieses durch ihn endgültig wachgeküsste Streichinstrument. Mit seiner Trüffelnase entdeckt Savall seit nunmehr über dreißig Jahren musikalische Diamanten aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Barock, die er dann erst nach bestem musikhistorischen Wissen begutachtet, um ihnen schließlich – ganz unakademisch – funkelnd und facettenreich neues Leben einzuhauchen. Mit seinem Ensemble Hespèrion XXI, das er 1974 mit seiner Frau, der Sopranistin Montserrat Figueras gründete, hat er so das alte Feuer von vorrangig spanischen Tänzen und Komponisten wiederentfacht. Mit dem 1989 formierten Orchester "Le Concert des Nations", dessen Name sich auf ein Werk des französischen Komponisten François Couperin bezieht, kann sich Savall hingegen umfangreicher besetzter Partituren von der Blütezeit des Barock bis in die Romantik hinein widmen. Doch bei aller Neugier weiß Savall nicht nur, "dass das Leben zu kurz, um alles machen zu können." Wenn er einmal sein Herz an ein Werk verloren hat, beschäftigt er sich mit ihm ein Leben lang.
Schade, MichaelDem deutsch-kanadischen Tenor Michael Schade ist das Gefühl vertraut, als Sänger auf der Bühne etwas Persönliches preiszugeben. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man eine ‚Schöne Müllerin’ singen kann, ohne einmal irrsinnig verliebt gewesen zu sein, man kann nicht wirklich über Depressionen singen, ohne sie selber gespürt zu haben. Wenn man auf der Bühne steht, ist es immer eine Art Therapie." So könnte man mutmaßen, dass im Duett die Sänger sich gegenseitig ein Stück vom Preisgegebenen zurückgeben. Dieser auch durch die Musik selbst geweckte emotionale "Austausch" bezieht den "Begleiter" am Klavier mit ein. Für Michael Schade findet sich der musikalische Dialog zwischen Pianist und Sänger in seiner Generation nicht selten auf der privaten Ebene wieder. Obwohl eine persönliche Ebene meist ausgeschlossen ist, möchte jeder Musiker das Publikum auf seine Art und Weise spirituell berühren. Wie gern würde Schade auch bei einem Liederabend mit Freunden weitere Zuhörer einbeziehen. Denn was bei der Oper oder dem Oratorium keine Rolle spiele, das verhalte sich beim Lied anders: "Da muss ich die Zuhörer sehen, ihre Augen, nur dann kann ich in ihnen lesen. Idealerweise müsste das Publikum das Gefühl haben, es ist im Wohnzimmer des Sängers eingeladen."
Schriefl, MatthiasJung, frech und ungemein begabt: Das sind die Trümpfe des Jazztrompeters Matthias Schriefl. Mitglied in einer (recht populären) Big Band ist er nicht mehr, er sei »nun in der vergleichsweise glücklichen Lage, nur noch künstlerisch befriedigende Projekte verfolgen zu können«, wie Schriefl vielsagend zu verstehen gibt. In der Tat, wenn man den eher altbacken wirkenden Sinatra- Swing, den er zuletzt als erster Trompeter in besagtem Orchester zum Besten geben musste, vergleicht mit dem komplexen Programm seiner eigenen Band Shreefpunk, tun sich wirklich Welten auf. Dieses Kölner Quartett pendelt wie selbstverständlich zwischen Freejazz-Eruptionen, holprigem New Orleans und Bop-Phrasen und zitiert dabei ganz keck die Jazzhistorie des letzten Jahrhunderts. Es ist nur zu erstaunlich, über welch ausgereifte Technik Matthias Schriefl verfügt. Mal grummelt er auf seinem Instrument wie ein alter Sünder, mal verfällt er in einen weichen, samtenen Ton, der an die Trompeter-Legende Clark Terry erinnert. Doch bei aller technischen Versiertheit, mit der Schriefl selbst schwierigste Passagen meistert, haben seine Soli doch immer einen erzählenden Charakter, was dazu führt, dass man sie als Zuhörer entspannt genießen kann. Andy Haderer, Trompeter in der WDR Big Band und Dozent an der Kölner Musikhochschule, nahm sich des jungen Studenten an, als es diesen vor acht Jahren von München in die Domstadt zog. »Ein hervorragender Lehrer, er gab mir lediglich Hilfestellung in technischer Hinsicht, alles andere überließ er mir selbst, was an der Hochschule beileibe keine Selbstverständlichkeit ist«, erzählt Schriefl. Viele Musikerkollegen seiner Generation seien durch das Studium »oft verschult, weil man zu viele Leute um sich herum hat, die alle versuchen, ihren eigenen Geschmack als Regel zu verkaufen. Das stimmt dann meist nicht mit dem überein, was andere Lehrer sagen und am Ende ist man dann nur noch verwirrt.« Schriefl freilich scheint schon seine eigene Zielsetzung in sich getragen zu haben, bevor er auf die Hochschule ging. Über die elterliche Plattensammlung fand er sehr früh zum Jazz, erhielt Klavierunterricht bei einem Hamburger Barpianisten, der im heimatlichen Maria Rain im Allgäu zur Kur weilte, dann ging es sehr schnell steil bergauf mit der jungen Musikerkarriere: als 11- Jähriger Bundessieger bei »Jugend musiziert« im Fach Trompete, mit 15 jeweils jüngstes Mitglied im Landesjugendjazzorchester Bayern und im BundesJazzOrchester, mit 18 Bundessieger bei »Jugend Jazzt«. Mit »Shreefpunk plus strings« hat Matthias Schriefl sein bislang wohl ungewöhnlichstes Projekt verwirklicht – und dabei auch mit einigen Konventionen gebrochen: »Dass Streicher Rhythmusaufgaben übernehmen, das ist eigentlich ein absolutes Tabu. Man soll ja auch angeblich niemals ‚Swing’ in ein Streicherarrangement schreiben, weil das nicht funktionieren könne. Gerade deswegen habe ich es aber versucht. Das Streichquartett soll gleichwertig klingen und nicht als Alibi- Anhängsel dienen.« Wenn es die knappe Zeit zulässt, ist Schriefl immer noch mit Begeisterung Organisator von Jam Sessions in einem kleinen Kölner Theater. In den letzten Jahren habe sich die Lage für junge Jazzmusiker hierzulande etwas gebessert. Üppig seien die Auftrittsmöglichkeiten zwar auch heute längst nicht. Aber »es ist einfach nur gesund für die hiesige Jazzszene, dass wir neben der internationalen Konkurrenz, ohne rot zu werden, bestehen können.«
Schuch, Herbert
Alte Freunde treffen, neue Bekanntschaften schließen, ungeahnte Vernetzungen erfahren, in neue Erlebniswelten eintauchen. Was sich wie eine Beschreibung für das Bloggen auf den Social-Media- Plattformen im Internet liest, ist auch ohne virtuelle Welten möglich: Solche Erfahrungen versprechen die bis ins Detail durchdachten Konzertprogramme von Herbert Schuch. Der aus Rumänien stammende Pianist macht sich viele Gedanken zur Dramaturgie seiner Klavier-Recitals, stellt unbekannte Kompositionen neben Programmklassiker, lässt Erstere vertraut und Letztere in neuem Licht erscheinen und ist immer für eine Überraschung gut. Als Spezialist für leise Töne und Zwischentöne begeistert Herbert Schuch sein Publikum durch seine besondere musikalische Mitteilungsgabe. Innerhalb eines Jahres gewann er den Casagrande- Wettbewerb in Italien, die London International Piano Competition und den Internationalen Beethovenwettbewerb Wien und muss seine Virtuosität und technische Brillanz nicht tastendonnernd unter Beweis stellen. Herbert Schuch kam im rumänischen Temeschburg als Sohn einer Familie mit deutschen und ungarischen Wurzeln zur Welt und erhielt ersten Klavierunterricht in seiner Heimatstadt. Bis zum Stimmbruch sang er auch und spielte als zweites Instrument Violine. »Es war mir aber immer klar, dass die Geige nicht so sehr meinem Gehirn entspricht. Mich hat einfach die Idee, dass man drei oder vier verschiedene Verläufe gleichzeitig verfolgen kann, immer mehr interessiert als ein schöner Ton.« Gleichwohl liebt er den Ton und die Klangfarben der Violine und ist ein begehrter Kammermusikpartner. 1988, noch zur Zeit des Ceausescu-Regimes, wanderte seine Familie nach Deutschland aus und Herbert Schuch landete in Rosenheim. Im Alter von zwölf Jahren erhielt er Unterricht bei dem berühmten Klavier-Pädagogen Karl-Heinz Kämmerling in Salzburg. Heute ist Herbert Schuch selbst pädagogisch tätig und engagiert sich für die Organisation »Rhapsody in School«, um Kindern in der Schule klassische Musik nahezubringen. »Wenn ihr ausschlafen und lange aufbleiben wollt, werdet Musiker", rät Herbert Schuch den Kindern, lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass das Musikerdasein ein harter Job ist. »Leistung ist auf den Punkt gefragt.« Er selbst übt seit seinem sechsten Lebensjahr täglich, als Konzertpianist sogar mindestens fünf Stunden am Tag. Sein erklärtes Ziel ist es, nie die Lust am Klavierspielen zu verlieren und »die kleinen Glücksmomente im Leben« noch oft zu erleben.
Sezen Aksu Acoustic BandGehört die Türkei zu Europa? Abgesehen von politischen Vorbehalten: eindeutig ja. Sie nimmt an den europäischen Fußballwettbewerben teil und an internationalen Popfestivals. Und wenn Türken Auto-Korsos bilden, die Hand auf die Hupe legen und »Türkiye, Türkiye« skandierend den Verkehr auf den Kölner Ringen lahm legen, haben sie gewonnen. Entweder im Fußball oder beim Gesangswettbewerb. Jeder Fußballfan erinnert sich noch an die Europameisterschaft 2008, als die deutsche Elf nur mit viel Mühe die türkische Auswahl im Halbfinale bezwingen konnte. Fünf Jahre zuvor hieß es: Turkey: twelve points, beim »Eurovision Song Contest« in Riga. Und weil sie sich bei solchen Wettbewerben mit wachsendem Erfolg behauptet hat, nehmen Interesse und Neugier auf das lange nur mit Dönerkultur identifizierte Land merklich zu. Gerade hierzulande, wo auch die Filmerfolge von Regisseur Fatih Akin für einen Wandel in der Wahrnehmung sorgt.
Ein Star Mit Songs wie »Firuze« und »Gülümse« dürfte eine ganze Generation ihrer heutigen Fans in den Achtzigerjahren groß geworden sein. Hits wie »Sen Aglama« (Weine nicht) oder »Geri Dön« (Kehre zurück) stehen in dem Rang nationalen Kulturguts. Jeder in der Türkei kann sie mitsingen. Keine Frage, Sezen Aksu gehört zu den ganz Großen der türkischen Popmusik, die in ihrer Heimat ungeachtet der weltweiten Rückläufigkeit von CD-Verkäufen nach wie vor respektable Umsätze erzielt.
Fatih Akin ist ein glühender Fan von ihr Denn die in Izmir geborene Aksu singt – auch auf Armenisch, Griechisch und Kurdisch – alles andere als Schmuse-Pop. Ihre Texte sollen den türkischen Frauen mehr Selbstbewusstsein geben. Mal als Ballade, mal mit großem Orchester, mal mit modernen Beats. Längst hat sie zu einem ganz eigenen Stil gefunden, der tief in der osmanischen Musik verwurzelt ist, aber stets den Anschluss an westliche Clubtrends wie Ambient, Dub und andere Dancefloor-Beats sucht. Sich immer wieder neu erfinden – da ist Sezen Aksu Madonna ähnlich – nicht nur äußerlich. »Blonde Türkin stürmt deutsche Charts!«, ereiferte sich der Boulevard, als die Grande Dame des Türk-Pop 1991 erstmals hierzulande auf sich aufmerksam machte. Also: Fort mit dem Klischee von Bauchtanzfolklore und schnurrbärtigem Schnulzenbardentum – die Türkei hat viel mehr zu bieten. »Einmal habe ich versucht, allein die Musikrichtungen in Istanbul zu zählen«, so Sezen Aksu in einem Interview. »Dabei bin ich auf mindestens 25 gestoßen. Wahrscheinlich ist kein anderes Land so reich an musikalischen Einflüssen wie die Türkei. Ich kann mich glücklich schätzen.«
Shajarian, Mohammad RezaObwohl das Interesse an der klassischen iranischen Musik hierzulande stetig zunimmt, ist es beileibe keine Selbstverständlichkeit, dass die bedeutendsten Künstler der heutigen Musikszene Irans in der Kölner Philharmonie zu hören sind: der Sänger und Tombak-Spieler Homayoun Shajarian und ein Großensemble um Homayouns Vater, Mohammad Reza Shajarian. Die ersten drei Konzerte des großen Sängers in Deutschland fanden 1987 im Rheinland unter wahren Beifallsstürmen des überwiegend iranischen Publikums statt – nicht ohne Risiko für die Musiker, da es vor den Auftritten zu heftigen Anti-Chomeini-Protesten kam Zugleich wagte es Shajarian, Texte der klassischen Freigeister Hafis und Rumi zu singen, die den Normen des Islam durchaus nicht entsprechen. Die Brisanz und die Einmaligkeit dieser Veranstaltungen wird im Rückblick umso deutlicher, da ja zu dieser Zeit im Iran selbst keinerlei Konzerte mehr gestattet waren und die traditionelle iranische Musik sich nur durch den Verkauf von Kassetten unter den Ladentischen verbreiten konnte. Das änderte sich glücklicherweise und das Gastspiel im Sommer 2002 stand denn auch unter wesentlich entspannteren Vorzeichen. Im letzten Kölner Konzert von Mohammad Reza Shajarian 2007 begleiteten den legendären Sänger die größten Könner der iranischen Kunstmusik, ein Quartett, das sich aus den besten Instrumentalisten des Landes zusammensetzt. Auch bei dem guten Dutzend Musiker, das unter dem Namen Shahnaz firmiert, (übrigens eine Premiere für Mohammad Reza Shajarian, der bislang nur mit kleineren Besetzungen aufgetreten ist), darf man künstlerische Klasse voraussetzen. Auch sie sind wahre Meister ihres Fachs, ja mehr noch, ihre langjährige musikalische Ausbildung weist sie als absolute Kapazitäten aus. Außerhalb Irans können sie sich auf eine große Anhängerschaft stützen, gelten sie doch für viele ihrer Landsleute im Exil als Garant dafür, dass ungeachtet des politischen Tagesgeschäfts die reiche iranische Musiktradition fortbesteht. »Der westliche Betrachter kann vermutlich gar nicht ermessen, wie wichtig solche Auftritte sind,« urteilte der »Sunday Globe« nach einem Gastspiel eines iranischen Ensembles in Boston. Sina Jahan Abadi and Kaveh Motamedian gehören mit ihrem Spiel auf der Kamanche, einem viersaitigen geigenähnlichen Instrument, das mit seinem nasalen Klang als Vorläufer aller bekannten Streichinstrumenten in Asien und Europa zu gelten hat, zu den unbestrittenen Könnern ihres Fachs. Der musikalische Leiter des Konzerts, Majid Derakhshani, arbeitet seit langem in Köln und hat hier ein iranisches Musikzentrum ins Leben gerufen, das einen ausgezeichneten Ruf im In- und Ausland genießt. So gilt Derakhshani heute nicht nur im Iran als einer der besten Interpreten auf der Tar, jener speziellen Langhalslaute, die so typisch ist für die iranische Musik. Mit dem Star dieses Abends, mit Mohammad Reza Shajarian, hat Derakhshani schon oft zusammengearbeitet. Meist im Zweiklang mit der Tar ist die Oud zu hören. Auf diesem mit der Laute verwandten Instrument gilt Mohammad Reza Ebrahimi als einer der besten Interpreten weltweit. Ähnlich wie seine Mitspieler kann auch der 38-jährige Teheraner auf die Ausbildung durch einen berühmten iranischen Musiker zurückblicken: Hossein Alizadeh, ein Virtuose auf dem Lauteninstrument Setar. Uns westlich geprägten Musikliebhabern mag es vielleicht schwerfallen uns vorzustellen, welche Bedeutung Mohammad Reza Shajarian für die iranische Kultur zukommt – wenn man freilich ein Konzert dieses charismatischen Sängers miterlebt, begreift man mit einem Mal, warum Shajarians Landsleute ihn so verehren. Der 68- Jährige gilt heute geradezu als Synonym für den traditionellen persischen Gesang. Mohammad Reza Shajarian gelangte über Volksmusik- Anfänge in der nordöstlichen Provinz Khorasan zum »Radif«, dem klassischen iranischen Repertoire, das er wie kein anderer beherrscht. Und doch wohnen wir hier keiner musealen Kunst bei. Klassische iranische Musik ist in hohem Maße auch improvisatorische Musik, sie sperrt sich nicht per se gegen moderne Strömungen. Dadurch gewinnt die hohe Kunst Mohammad Reza Shajarians eine selten zu erlebende zeitlose Dimension.
Sokolov, Grigory
Grigory Sokolov, geboren 1950, empfindet jede Stunde des Tages fast als vertan, wenn er nicht Klavier spielt. Denn für ihn ist das Musikmachen nicht zum Beruf geworden, sondern schlicht Berufung geblieben. Natürlich würden dies viele seiner Kollegen ebenfalls unterschreiben. Sokolov ist aber tatsächlich einer der ganz wenigen unter den bedeutendsten Pianisten unserer Zeit, für den ausnahmslos das Wahre in der Musik zählt. Allen Ablenkungen und Störfaktoren widersetzt er sich daher mit nachvollziehbarer Dickköpfigkeit. Interviews sind dem Russen ein Gräuel (darin gleicht er Martha Argerich). Konzerte mit Orchester lehnt er konsequent ab, weil für ihn zur künstlerischen Vollendung und Glückseligkeit nie genügend Probenzeit zur Verfügung steht. Und ins Aufnahmestudio geht er schon lange nicht mehr, da die Resultate oftmals mehr die Handschrift von Tontechnikern tragen, die das Atem der Musik einfach mal herausschnippeln. Im medial immer hochtouriger laufenden Klassik-Betrieb bekommt ein so hochgradiger Individualist dementsprechend schnell bestimmte Charakterzüge angedichtet. Die einen nennen ihn einen Menschenscheuen, die anderen einen Sonderling. Sokolov bleibt von alledem jedoch stoisch unbeeindruckt. »Ich habe keinen Herdeninstinkt «, sagt er. »Es interessiert mich nicht, wenn die Masse irgendwohin läuft. Ich bleibe dann lieber ruhig sitzen. « Und gerade in der Ruhe lag bei ihm schon von jeher die Kraft. Zwar triumphierte er bereits 1966 beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb. Doch schon damals ließ sich der erst 16-Jährige nicht verheizen, sondern studierte in seiner Heimatstadt St. Petersburg brav am Konservatorium weiter. Und selbst als später der Kreis seiner Bewunderer auch im Westen immer größer wurde, blieb Sokolov sich treu. Statt mit seiner natürlich makellosen Fingerfertigkeit mal auf irdischem Boden glamouröse Oktaven-Salti zu schlagen, hat er sich bis heute der Erkundung der himmlischen Musikseelenlandschaften verschrieben. Den Weg dorthin nimmt der Mann mit der kolossalen Physiognomie denkbar unspektakulär. Fast schon dienerhaft geht Sokolov mit einem Arm hinter dem Rücken auf sein Instrument zu. Und kaum hat er Platz genommen, lässt er das Raumlicht runterfahren, um fortan die Klangräume vorrangig aus der großen Klassik und Romantik auszuleuchten. Sokolov verwechselt dabei aber nicht reflektierende Konzentration mit meditativer Andacht. Weshalb jedes Werk, das er spielt, stets auch dem Leben zugewandt ist. Das 19. Jahrhundert eines Robert Schumann besitzt daher genauso poetische Luftigkeit wie existenzielle Zerrissenheit. Und des Meisterwerken von Johann Sebastian Bach entlockt er anspringende Tanzfiguren, südliches Temperament und ariose Innigkeit – um zwischendurch seine quirligen Finger wie Schmetterlinge über die Tastatur flattern zu lassen. Kein Wunder, dass Sokolov für solche musikalischen Naturschauspiele die Weite eines Konzertsaals der Enge eines Aufnahmestudios vorzieht. »Die Live-Atmosphäre ist mir sehr wichtig. Aber der Applaus ist auch für das Publikum wichtig. Es kann nur damit zeigen, ob es ihm gefallen hat.« Sokolov revanchiert sich für den Jubel aber nicht einfach großzügig. Wenn er fünf, sechs oder gar sieben Zugaben spielt, will er auch jenen Moment solange hinauszögern, bis er dann doch loslassen muss. Von den Tasten und damit von der Musik.
Stockhausen, KarlheinzWer Flugangst hat, muss unten bleiben. Auch wenn mit Karlheinz Stockhausen als Bodenpersonal nicht viel passieren konnte. Aber selbst dem Kronos Quartet wurde es 1995 zu brenzlig, als Stockhausen den Amerikanern die Uraufführung seines »Helikopter«-Quartetts anbot. So sprang das englische Arditti Quartet ein und tollkühn in die vier Hubschrauber, um Stockhausens Klänge abheben zu lassen. Denn davon war der Jahrhundertkomponist Karlheinz Stockhausen überzeugt: Irgendwo zwischen den Planeten– und Sonnensystemen existierte für ihn musikalisches Leben in vorbildlicher Universal-Harmonie. Den letzten Beweis dafür blieb Stockhausen schuldig. Aber zumindest mit seinen komponierten Visionen von diesen »transrealistischen Welten« hatte Stockhausen ein halbes Jahrhundert lang die objektiven Musiksphären derart revolutioniert, dass er selbst abseits der Neue-Musik-Zirkel verehrt wurde, von den Beatles oder vom Jazz-Trompeten-Papst Miles Davis. Ende 2007 verstarb vollkommen überraschend Karlheinz Stockhausen mit 79 Jahren in seinem lauschigen Wahlheimatstädtchen Kürten. Doch mit seinem riesigen Schaffen hat er Raumklangerlebnisse der Sonderklasse hinterlassen, angefangen von der elektronischen Komposition »Gesang der Jünglinge« aus dem Jahr 1956 bis hin zum Musiktheater-Zyklus »Licht«, diese rund 30 Stunden dauernde Phantasie über die sieben Schöpfungstage. |
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