Startseite » Anzeigen-Sonderveröffentlichung der Zeitungsgruppe Köln zgk

Künstler-Archiv

In unserem Künstler-Archiv finden Sie alle wichtigen Informationen zu den Gästen der Kölner Philharmonie: In den Porträts beantworten Fragen zum musikalischen Werdegang der Künstler ebenso wie zu prägenden Karrierestationen. Außerdem eine Beschreibung der stilistischen Besonderheiten der Solisten.

Zurück zum Philharmonie Spezial

A B C D E F G H I J K L M
N O P Q R S T U V W X Y Z

Begriffe 1 bis 4 von 4

Taksim Trio
Ticciati, Robin
Torres, José Fernández
Trovesi, Gianluigi

Suche:

alle Begriffe anzeigen

 
Taksim Trio

Das muss man sich mal vorstellen: Da nimmt ein Klarinettist ein Solo-Album auf und schießt damit direkt auf Platz eins der türkischen Pop(!)-Charts. Mag auch dies zum Teil der Tatsache geschuldet sein, dass Hüsnü Senlendirici weiß Gott kein Unbekannter in der türkischen Popmusik ist, ungewöhnlich erscheint dieser Erfolg allemal, selbst für ein Land wie die Türkei, in dem reine Instrumentalmusik einen ganz anderen Stellenwert hat als hierzulande.

Als vor einigen Jahren mit einem Mal Musiker und Bands aus Istanbul, die rein gar nichts mit dem plakativen Türkpop à la Tarkan oder Mustafa Sandal gemein hatten, auch in Mitteleuropa Beachtung fanden, durfte man noch an eine kurzfristige Modewelle glauben. Doch die progressiven Querköpfe an der Schnittstelle von Okzident und Orient konnten sich behaupten. Und in diesem Klima kaum gezügelter Kreativität konnte ein Ensemble wie das Taksim Trio prächtig gedeihen.

Ismail Tunçbilek, Aytaç Dogan und der bereits erwähnte Hüsnü Senlendirici sind, wenn es ihnen die mittlerweile umfangreichen Verpflichtungen mit ihrem Trio erlauben, Studiomusiker für türkische Popmusik. Eher nur zum Spaß, aber durchaus mit dem gebotenen Ernst – schließlich sind sie dies ihrem Ruf als Virtuosen auf ihren Instrumenten schuldig – buchten die Drei vor einem Jahr Studiozeit, um endlich mal in eigener Sache Flagge zu zeigen. Die Musik, die das Taksim Trio mit Klarinette, elektrischer und akustischer Baglama – eine Art Laute – und der Qanun – unserer Zither ähnlich – aufnahm und heute in den europäischen Konzertsälen zu Gehör bringt, steht in der Tat im krassen Gegensatz zu dem, was man mit türkischer Hitparaden-Musik gemeinhin in Verbindung bringt.

Wo lässt sich dieser Sound einordnen? In der türkischen Tradition? Ist dies entspannte World Music? Oder bloß prätentiöse Meditationsmucke? Vielleicht von allem etwas, und wie so oft ist das vielzitierte Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Dies hat nichts zu tun mit nervöser oder schmachtender Stimmakrobatik, ihr fehlt auch die mitunter etwas langatmige Verästelung klischeebeladener Orientmusik.

Das Taksim Trio schafft mit vermeintlich einfachen Mitteln ein stimmungsvolles Ambiente – nicht zufällig drängen sich Assoziationen mit der Ambient Music auf – , in das man sich fallen lassen kann wie in die weichen Kissen einer Teestube am Bosporus. Ja, man wähnt sich wirklich im Café Pierre Loti hoch über dem Goldenen Horn in Istanbul.

Der sonore und zuweilen klagende Klang der Klarinette auf der einen, auf der anderen Seite die klar und präzise angeschlagenen 80 Saiten des Hackbretts oder der Baglama: Das Zusammenspiel ist so verblüffend dicht wie in den besten Werken der klassischen indischen Musik. Auch sie besteht aus einem für den europäischen Musikliebhaber oft überraschendem Nebeneinander von Freiheit und Disziplin. Kaum tut sich etwa Ismail Tunçbilek mit seiner Baglama für einige Momente als Solist hervor, so tritt er auch schon wieder in den Kreis seiner beiden Kollegen zurück und webt weiter mit am gemeinsamen Klangteppich. Keine Frage: klarer Punktsieg des Bosporus-Soul über den Balkan-Beat.
Ticciati, Robin

Seine Erfolgsgeschichte liest sich wie die eines Wunderknaben. Mit dem 1983 in London geborenen Briten Robin Ticciati steht ein wahrer Shooting-Star am Pult, der bereits mit zwei beachtlichen Superlativen aufwarten kann: So ist er der bisher jüngste Dirigent am Pult sowohl der Mailänder Scala, wo er 2005 debütiert, als auch bei den Salzburger Festspielen im Jahr darauf.

Wer mit 15 Jahren als Geiger, Pianist und Schlagzeuger ausgebildet ist und sich daraufhin dem Dirigieren widmen kann, dessen Schicksal scheint es gut mit ihm zu meinen. Sir Colin Davis und Sir Simon Rattle sind von seinem Talent überzeugt und fördern ihn. Während dieser Zeit spielt er noch im National Youth Orchestra Großbritanniens. Als Student an der St. Paul's School leitet er bereits die John Colet Singers in einer Reihe von Konzerten, deren Höhepunkt eine Aufführung des Kyrie in d-Moll von Mozart ist.

Seit der Spielzeit 2009/10 ist er Chef des Scottish Chamber Orchestra, mit Beginn der Saison 2010/11 Erster Gastdirigent der Bamberger Symphoniker, die ihn erstmals im Frühjahr 2005 im Rahmen einer Produktion für den Bayrischen Rundfunk kennenlernen. Sein Konzert-Debüt gibt er dort zwei Jahre später – nachdem er bereits Musikalischer Leiter und Künstlerischer Berater des Gävle Symphony Orchestra (Schweden) und Music Director des »Glyndebourne on Tour« geworden ist. Beim renommierten Glyndebourne Festival dirigiert er Verdis »Macbeth« sowie Humperdincks »Hänsel und Gretel«.

Weitere Opern- und Konzertprojekte warten auf ihn bei Tourneen durch Europa und Japan, in Stuttgart, Zürich, Dresden, Rom, Kopenhagen, Stockholm, Leipzig, Salzburg, Glyndebourne, Los Angeles, Toronto, Rotterdam, London, New York, Mailand, Amsterdam, Cleveland und Philadelphia.
José Fernández Torres Torres, José Fernández

Bei Flamenco wird so mancher Spanienurlauber mit einer gewissen Wehmut an pittoreske Abende unter klarem Sternenhimmel denken. Doch Vorsicht: Das Ensemble um den Gitarristen José Fernández Torres, genannt »Tomatito«, erstmals in der Kölner Philharmonie zu Gast, sträubt sich gegen jegliche platte Folklore-Erwartung.

In Südspanien ist der Flameco geboren
Was selten genug geschieht, hier gelingt es: Kunst und Unterhaltungsanspruch miteinander in Einklang zu bringen. Ein Blick zurück: Die südspanische Region Andalusien ist die Geburtsstätte des Flamenco. Wie jede große Kunst entwickelte auch er sich aus einer Mischkultur. Seine Wurzeln hat er im Gesang und den Polyrhythmen der maurischen und jüdischen Bevölkerung, die von den bitteren Erfahrungen der Vaganten inspiriert wurden. Auf der Jahrhunderte langen Flucht vor Verfolgung fanden die Spielleute schließlich eine Heimat in Andalusien.

Tomatito und sein sechsköpfiges Ensemble fühlen sich diesem Erbe verpflichtet und verkörpern die drei Elemente des Flamenco – Musik, Tanz und Gesang – auf hohem Niveau. Seit 1992, dem Todesjahr seines Freundes und langjährigen musikalischen Partners, des Flamenco-Sängers Camáron de la Isla, leitet Tomatito diese Gruppe nun schon, immer wieder erweitert um junge Künstler aus der nie versiegenden Talentschmiede Andalusien. Als Musiker von Weltruf und mit Anfang 50 bereits Legende als Spaniens größter Flamenco-Gitarrist, zeigt Tomatito die ganze Bandbreite der andalusischen Volksmusik, von den Ursprüngen bis in die Moderne, mit Einflüssen aus Jazz und Klassik. Seine Ausnahmestellung unter den Flamenco-Gitarristen ist wohl nur noch mit der seines Förderers Paco di Lucia zu vergleichen.

Höchst subtile Kunst
Tomatitos Kunst ist vollkommen unprätentiös: höchst subtil, leise, fast kammermusikalisch. Er verzichtet auf jeglichen Show-Firlefanz und stellt sich selbst bescheiden in die Reihe der anderen Akteure seiner Gruppe. Keine Frage, Tomatito zeigt viel mit diesem Programm und kann jedem etwas bieten: ein Stück versäumten Spanienurlaubs, ein bisschen Musikgeschichte und viel gitarristische Finesse. Es mag ketzerisch anmuten, aber die Frage sei abschließend doch erlaubt: Wäre es in Anbetracht der Fingerfertigkeit des Künstlers nicht angebracht, diese dem Publikum mittels Großleinwand zu vermitteln? Zumindest braucht es gute Augen bzw. eine geeignete Sehhilfe, um Tomatitos atemberaubender Technik halbwegs folgen zu können ...

Trovesi, Gianluigi

Vertont haben das Stück schon viele – von Purcell über Mendelssohn Bartholdy, Benjamin Britten bis zum Rockmusiker Steve Hackett – doch Gianluigi Trovesi ist der erste Jazzmusiker, der sich von Shakespeares Komödie "Sommernachtstraum" zu einer Musik inspirieren ließ, die mit augenzwinkerndem Charme Renaissance- und Barockmusik, alte italienische Tänze, Jazz und Pop wie selbstverständlich miteinander in Beziehung setzt.

Seitdem der aus Bergamo stammende Klarinettist seine Shakespeare-Impressionen aus dem Jahr 2000 live präsentiert, zählen die Aufführungen des Trovesi-Ensembles von "Round about a Midsummer’s Dream" zu den Höhepunkten im europäischen Konzertbetrieb.

Trovesi formiert ein Nonett aus wahrhaftigen Virtuosen, bestehend aus drei Trios, die sich in Stil und Funktion unterscheiden. Jedes dieser Trios steht für eine bestimmte Personengruppe aus Shakespeares Komödie. Der königliche Hof von Theseus wird von einem Barock- und Renaissance-Trio aus zwei Violinen und einem Violoncello repräsentiert, die Gruppe der Handwerker durch ein folkloristisches Trio aus Knopfakkordeon, (wenn es jemanden hervorzuheben gilt, dann ihn: Fausto Beccalossi), Bass und Tamburin. Den Hof von Oberon schließlich verkörpert ein Trio mit Bläsern, Gitarre, Schlagzeug und Elektronik.

Und so wie man es aus dem Shakespeare-Stück kennen-und liebengelernt hat, beginnen die Musiker-Gruppen, wie die Schauspieler auch, ihre Rollen und Emotionen zu tauschen – der Beginn einer musikalischen Entdeckungsfahrt hinein in das Reich der Trugbilder, Verführungen und Träume.

Dabei machen die neun Musiker erfinderischen Gebrauch von den alten italienischen Volkstänzen wie Follia, Villanella, Bergamasca und Canzonetta, in dem sie die Tänze mit Jazzimprovisationen und -harmonien, Renaissanceformen, Rockrhythmen und Sounds der zeitgenössischen "ernsten" Musik kombinieren. So wie der polymorphe Geist des Puck – ein trollartiges Wesen, das zwischen den Polen Gut in Böse hin- und hergerissen scheint – in der Komödie, so springt hier die Musik von einem Trio zum andern, ist von ständigen Wechseln und Bedeutungsänderungen geprägt.

Ein Trademark von Trovesis Kunst besteht darin, konkrete historische Kompositionen die als Ausgangspunkt für thematische, rhythmische und harmonische Entwicklungen und gar völlige Verwandlungen dienen, zu raffinierten Parts anzuordnen. Davon konnte sich das Kölner Publikum zuletzt vor drei Jahren in der Philharmonie überzeugen, als Trovesi mit einem vieldeutigen Programm über die Fuge aufwartete. Solche "Appetizer ", die thematisch das Flair des jeweiligen Teils prägen, können ein Tanz des neapolitanischen Komponisten Andrea Falconieris aus dem 17. Jahrhundert sein, oder ein "Sommer"-Fragment aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten ", oder auch eine Canzonetta aus dem 16. Jahrhundert.

Das Faszinierende an der Trovesi’-schen Welt ist jedoch nicht nur das Was, sondern immer auch das Wie. Transparent, sensibel, erzkomödiantisch (man sei gespannt auf Carlo Rizzos Gesang!), dabei stets souverän, so geht man mit dieser polystilistischen Musik um. Da können mit einem Mal Reggae- und Calypso-Rhythmen aufblitzen, da wandelt vielleicht der Gitarrist Paolo Manzolini einen dickflüssigen Blues zu einem handfesten Bergamasker-Tanz. "Tu vuoi fare l’americano/ Ma sei nato in Italia" - "Du möchtest den Amerikaner spielen, aber vergiss nicht, du bist in Italien geboren", so hat einst ein Lehrer den angehenden Musiker Gianluigi Trovesi ermahnt. Den Rat hat er auf eindrucksvolle Weise befolgt.

Ich möchte diese Seite an jemanden weiterempfehlen.

Zurück zum Philharmonie Spezial

Extra