Künstler-Archiv

In unserem Künstler-Archiv finden Sie alle wichtigen Informationen zu den Gästen der Kölner Philharmonie: In den Porträts beantworten Fragen zum musikalischen Werdegang der Künstler ebenso wie zu prägenden Karrierestationen. Außerdem eine Beschreibung der stilistischen Besonderheiten der Solisten.

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Yamato
Yo-Yo Ma
Yusei Ensemble

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Yamato

Yamato, das ist populär, das ist bekannt. Über zwei Millionen Zuschauer haben sich binnen weniger Jahre weltweit an den Auftritten des japanischen Percussion-Ensembles begeistert. Ein erstes Gastspiel in Köln 2002 sorgte für einen nachhaltigen Triumph auch im deutschsprachigen Raum, nachdem Asien und das an eigenen fesselnden Rhythmen gewiss nicht notleidende Südamerika bereits infiziert waren. Die gewaltige Energie der Trommel-Virtuosen aus dem Land der aufgehenden Sonne ist von globaler Anziehungskraft.

»Matsuri« ist der Titel der Show, die auf der Welttournee das Publikum förmlich elektrisiert. Das Spektrum der Stimmungen ist vielfältiger, Rhythmuswechsel finden sich nicht nur im Spiel der Musiker, sondern auch in der Dramaturgie ihrer Auftritte. Kurz: Die Performance hat Witz und Spannung. Und das wirkt keinesfalls aufgesetzt oder wie eine Konzession an ein massentaugliches Unterhaltungsbedürfnis. Matsuri, das sind die altjapanischen Feste zu Ehren der Shinto-Gottheiten. Feierliche Ausgelassenheit und zeremonielle Strenge bilden darin eine natürliche Einheit, wie man sie auch von kirchlichen Festen in christlich abendländischer Tradition kennt. Alle Leichtigkeit der Darbietung resultiert also ganz unmittelbar aus dem Geist des Programms, ergibt sich zwanglos aus den Persönlichkeiten der Solisten und ihrer Instrumente. Da sind etwa die ironischen Spannungen zwischen den Geschlechtern, wenn Männer und Frauen ihre Körperkraft messen und um die Anmut in ihrem Spiel konkurrieren, oder der absurde Größenunterschied zwischen der gewaltigen, vierhundert Kilogramm schweren Odaiko-Trommel, der Chappa, einer winzigen Bronze-Zimbel, oder der Denden Daiko, einem ursprünglichen Kinderspielzeug. Eine ausgeklügelte Lichtregie und spektakuläre Choreografien akzentuieren die fulminante Mischung aus festlichem Überschwang und spiritueller Tiefe.

Erst 1993 formierte sich das heute weltbekannte Ensemble in der japanischen Provinz Nara. Ein geschichtsträchtiger Ort für die Wiederbelebung historischer Kunstformen. Hier stand im 4. Jahrhundert die Wiege des ersten vereinigten japanischen Königreichs, des Yamato-Hofes. Und von hier stammen auch die Akteure des gleichnamigen Ensembles, deren bloße Bühnenpräsenz schon an die zeremoniellen Ursprünge ihrer Auftritte gemahnt. Oder müsste man eher von Athleten sprechen? Mit wie vom Kampfsport gestählten Körpern bearbeiten die Musiker ihre Instrumente. Der Eindruck ist keinesfalls bloß äußerlicher Ähnlichkeit geschuldet. Die Entsprechung zu Kampfkunst und Kriegshandwerk ist allenthalben greifbar. Viele Schlagkombinationen sind in direkter Anlehnung an Techniken des klassischen Schwertkampfes entstanden, finden sich in abgewandelter Form auch im Karate, einer Selbstverteidigungssportart in der Samurai-Tradition. Auch die Trommeln haben ihre martialische Geschichte. So ist die gewaltige Odaiko ihrem Ursprung nach eine Kriegstrommel, deren physischer Schalldruck den Feind in Angst und Schrecken versetzt haben muss.

In ihrer Originalität und festen Bindung an die klassische Schule des Taiko, der überlieferten Kunst des japanischen Trommelspiels, machen Yamato keinen Kompromiss. Virtuosität und Präzision, physische Kraft und meditative Versenkung bringen tiefliegende kulturelle Wurzeln zum Ausdruck. Aller Trommelwirbel ist getragen von Otodama, der »Seele des Klangs«, dem inneren Ziel des Taiko. So zünden YAMATO einmal mehr ein sinnbetörendes Feuerwerk altjapanischer Trommelkunst, und das in erregend zeitgenössischem Zuschnitt. Der buchstäblich schlagende Beweis, dass regionales Kulturerbe sich auch im grenzüberschreitenden globalen Austausch behaupten, dabei sogar gewinnen und sich im Sinne ureigener Werte weiter entwickeln kann.
Yo-Yo Ma

In ruhigen Bahnen war bis 1998 das Leben von Yo-Yo Ma nun wirklich nicht verlaufen. Als veritabler Nachfolger der Cello-Granden Pablo Casals und Mstislaw Rostropowitsch gefeiert waren dem Amerikaner mit chinesischen Wurzeln da bereits zahllose Einspielungscoups geglückt. Mal an der Seite von Claudio Abbado, mal mit Stéphane Grappelli oder mit Bobby McFerrin. Und nebenbei hatte es für den musikalischen Ziehsohn von Isaac Stern und Leonard Bernstein längst die branchenüblichen Auszeichnungen bis hin zur Ehrendoktorwürde gehagelt.

1998 stellte Yo-Yo Ma aber dann ein Projekt auf die Beine, mit dem er seinen Ruf als Cellist ohne Scheuklappen endgültig unterstrich. Es war der Startschuss seines »Silk Road Projects«. Einer musikalischen Hommage an die sagenumwobene Seidenstraße, die sich vom 1. Jahrtausend v. Chr. bis ins 14. Jahrhundert vom östlichen Mittelmeer der Türkei bis ans andere Ende Chinas schlängelte. Und die sich als einzigartiges Drehkreuz für Handelswaren, philosophisch-religiöse Umwälzungen und künstlerische Strömungen entpuppte.

In diesem »Internet des Altertums«, wie Yo-Yo Ma die Seidenstraße bezeichnet, war alles in Bewegung, »ist sie als kulturübergreifende Verbindungslinie für mich faszinierendes Symbol für die Vielseitigkeit von Kommunikation, die sich auch in der Musik festmacht.« Seit elf Jahren bereist Yo-Yo Ma als ausgewiesener Global-Player zwischen Bach, Boccherini und Piazzolla nun die Seidenstraße. Mit einem Team aus Musikern und Klangethnographen, um »ungewöhnliche Ideen, Talente und Energien in die Welt der Klassik zu bringen.«

Natürlich gab es solche multi-kulturellen Annäherungen auf dem Gebiet der Musik schon oft - mit aber zumeist mäßiger Substanz. Wer jedoch noch das dreitätige »Silk Road Project«-Festival in Erinnerung hat, mit dem Yo-Yo Ma & Friends 2002 in der Kölner Philharmonie gastierten, der weiß sofort: Hier haben sich exquisite Solisten auf ihren traditionsreichen, für westliche Hörer durchaus exotischen Instrumenten einfach gesucht und gefunden. So verbündete sich Yo-Yo Mas samtenes Cello-Spiel mit den kontemplativschwebenden Registern der vom Chinesen Wu Tong gespielten, immerhin schon 3000 Jahre alten Mundorgel ´Sheng´. Oder als der Perser Kayhan Kalhor seine Stachelfiddel in Stellung brachte, begann im Zusammenspiel mit klassischen Streichern ein rasanter Wettlauf von 1000 galoppierenden Pferden durch die wilde Steppe.

Auch Wu Tong und Kayhan Kalhor sind jetzt wieder mit im Team von Yo-Yo Ma, als das »Silk Road Project« seine Zelte erneut für einen weiteren, ohrenöffnenden Gedankenaustausch in der Philharmonie aufstellte. Über ein Jahr lang war man dafür u. a. nach Tokio, Indien, in den Iran, nach Xianjing und Beijing gereist, um neue musikalische Aromen aufzusaugen. Herausgekommen sind aber nicht nur auf- und anregende Brückenschläge, bei denen sich plötzlich Wu Man an der chinesischen Kurzhalslaute Pipa und der indische Tabla-Virtuose Sandeep atemberaubend verstehen.

Wie sich die musikalischen Wurzeln zwischen Orient und Okzident über die Jahrhunderte und Jahrtausende verzweigt und gegenseitig befruchtet haben, spiegelt sich auch in ganz aktuellen Kompositionen für das Silk Road Ensemble wider. Und ob sie nun aus der Feder des Libanesen Rabih Abou-Khalil, des Sizilianers Giovanni Sollima oder von Osvaldo Golijov stammen - dieser Argentinier russischer Abstammung – dank Yo-Yo Ma ist der Geist der Seidenstraße und die völkerverbindende Kraft der Musik allgegenwärtig.
Yusei Ensemble

Man stelle sich vor: Musik aus der Zeit Karls des Großen wäre in ihrer Spielpraxis über die Jahrhunderte hinweg kontinuierlich überliefert worden und würde von späteren Stilentwicklungen unbeeinflusst auch heute noch authentisch gepflegt. Was in Europa undenkbar erscheint, ist in Japan ein durchaus normales Phänomen. Hier stehen tief in der Vergangenheit verwurzelte Traditionen und Ultra-Modernes oftmals unvermittelt nebeneinander, ohne dass dies als Widerspruch empfunden wird.

Die instrumentale Ensemblemusik des Gagaku wurde bereits im 8. Jahrhundert vom asiatischen Festland übernommen, adaptiert und in der Folgezeit am japanischen Kaiserhof tradiert.

Bis heute unterhält die Musikabteilung des kaiserlichen Hofamts in Tokyo ein »offizielles« Gagaku- Ensemble. Mittlerweile gibt es auch andere Ensembles, die das alte Spielrepertoire auf der Konzertbühne präsentieren und zeitgenössische Komponisten mit neuen Werken beauftragen.

Zu den kreativsten zählt das Ensemble Yūsei, das 1986 von dem ehemaligen Hofmusiker Sukeyasu Shiba gegründet wurde. Gagaku (»korrekte, würdevolle Musik«) ist eine zeremonielle Darbietungskunst, die sich in archaischer Einfachheit und in langsamstem Tempo entfaltet. Die Instrumentierung ist standardisiert: Zwei Blasinstrumente (Querflöte und Oboe) spielen mit heterophonen Abweichungen eine Kernmelodie, über die die eigentümliche Mundorgel mit ihren 17 Bambuspfeifen Akkorde aus 5 - 6 Tönen teilweise im Sekundabstand schichtet.

Diese wirken wie »Tontrauben«, die alles in einen gleichsam sphärischen Klang einhüllen. Zwei Saiteninstrumente (Zither und Laute) stützen die Melodie zusätzlich mit Arpeggien im Bassregister ab, während große und kleine Trommel zusammen mit einem kleinen Bronzegong die rhythmischmetrische Gestaltung markieren.

Die antike asiatische Aufführungspraxis kannte eine Fülle weiterer Musikinstrumente, die in den letzten Jahren von einer Forschergruppe am Nationaltheater in Tokyo nach und nach rekonstruiert wurden. Darunter ist auch die altchinesische Harfe (jap. Kugo). Sie wurde nach dem Vorbild eines Relikts aus dem 8. Jahrhundert nachgebaut, das man im Kaiserlichen Schatzhaus in Nara aufbewahrt. Das Ensemble Yūsei hat auch dieses Instrument wieder für die Musikpraxis nutzbar gemacht.

Im Unterschied zu anderen Gagaku- Gruppen gehören zum Ensemble Yūsei Japan: Alte Musikformen in neuer Klangsprache Das Ensemble Yūsei aus Tokyo zu Gast (der Namen bedeutet soviel wie »spielen« und »Stimme«) aber auch buddhistische Priestersänger. Sie sind Spezialisten für Shomyo, den Ritualgesang des japanischen Buddhismus. Diese Vokalkunst, die entfernt an den Gregorianischen Choral erinnert, ist ebenso alt wie die Gagaku-Musik und geht auf indische und chinesisch-koreanische Ursprünge zurück.

An diese Tradition knüpft das Werk »New Seeds of Contemplation – MANDALA« von Toshio Hosokawa (*1955) an. Es entstand 1986 für die Donaueschinger Musiktage und wurde 1995 überarbeitet. Hosokawa versteht seine Arbeit hier nicht als individuelle »Komposition«, sondern als ein einfühlsames Arrangement vorgegebener traditioneller Spiel- und Singweisen. Es soll die rituell-musikalischen Abläufe buddhistischer Zeremonien samt ihrer philosophisch-geistigen Matrix, sichtbar in einem Mandala- Teppich, auf dem die Musiker agieren, künstlerisch fruchtbar machen. Das 50-minütige Werk markiert einen Wendepunkt im musikalischen Schaffen Hosokawas. Von nun an entwickelte er seinen unverwechselbaren Personalstil, der eine Brücke schlägt zwischen westlicher Avantgarde und altjapanischen Überlieferungen und ihn selbst heute zu einem der interessantesten und wichtigsten Komponisten unserer Zeit macht.

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